Interview mit Andrea Mischkowyak

Interview mit Andrea Mischkowyak

Interview mit Andrea Mischkowyak

Claudia Ahl, Akademie Flow & Fokus, im Interview mit Andrea Mischkowyak – Coach, Mentorin, Palliativ- und Trauerbegleiterin und Co-Founder des SystemChanger ® in Krefeld
„Weil Ärzte, Krankenschwestern und Pflegekräfte auch Menschen sind.“Ärzte, medizinisch und pflegerisch ausgebildeten Menschen stoßen nicht nur in der Pandemie an ihre emotionalen und körperlichen Grenzen. Die Konfrontation mit Sterben und Tod ist für viele zwar eine tägliche Herausforderung, wird aber weder bedarfsorientiert unterrichtet noch qualifiziert begleitet.CA: Frau Mischkowyak, Sie sind seit über 20 Jahren Coach für Unternehmen und gleichzeitig Palliativ-und Trauerbegleiterin. Sie erleben also regelmäßig, wie Ärzte, Sterbende und Angehörige miteinander umgehen. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?AM: Ich bin Ihnen sehr dankbar für dieses Interview, weil es aus meiner Erfahrung keine Lobby gibt, die sich mit den Problemen der Ärzte und ihren Mitarbeiter:innen zum Thema Sterben und Tod auseinandersetzt. Auf der körperlichen Ebene sind alle sehr gut ausgebildet und geben täglich ihr Bestes. Das hat vor allem auch die Pandemie sehr eindrücklich gezeigt. Sobald aber der nahende Tod ins Spiel kommt und das Gespräch mit dem Kranken und seinen Angehörigen ansteht, wird die Kommunikation zäh.CA: Aber gerade dann ist es doch essentiell. Worauf führen Sie das zurück?

AM: Ich habe mich mit vielen Ärzten unterhalten dürfen und sie sagen übereinstimmend, dass sie in ihren Studiengängen nicht ausreichend auf Gespräche mit Sterbenden und deren Angehörigen vorbereitet wurden. Ein Arzt sagte mir sogar, dass er das Gefühl hat, der Tod ist gleichbedeutend mit einer Niederlage für die Medizin. Es ist das Gefühl, versagt zu haben und darüber möchte man am liebsten gar nicht sprechen. Manche Mediziner haben Angst, in diesen Momenten nicht die richtigen Worte zu finden, um den Patienten und auch den Angehörigen die Situation einfühlsam zu erklären. Viele fühlen sich damit überfordert und weichen dem Gespräch aus. Was absolut verständlich ist. Wer möchte schon der Überbringer einer Todesnachricht sein, wenn er nicht weiß, wie er das kommunizieren soll. Davon ausgenommen sind natürlich die Menschen, die eine zusätzliche Ausbildung zum Palliativmediziner oder Palliativ- und Trauerbegleiter absolviert haben.

CA: Gibt es Beispiele aus Ihrer Praxis?

AM: Oh ja. Ich erinnere mich sehr gut an ein Gespräch mit einer Gehirntumor-Patientin und deren Angehörigen. Der junge Arzt kam abgehetzt ins Sprechzimmer und teilte ihr mit, dass er für eine Bestrahlung wäre. Die Patientin fragte aufgeregt, ob das denn schmerzhaft sein würde und er sagte zu ihr, ohne Blickkontakt zu halten, dass wir hier nur über einige Monate reden würden. Patientin und Angehörige waren der Meinung, dass sie für einige Monate Bestrahlung bekäme und dann wäre es gut. Gemeint war aber, dass sie nur noch einige Monate leben würde. Er hat es nicht aufgeklärt, sondern fluchtartig den Raum verlassen. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mit einer Patientin, die schon auf eine Palliativstation verlegt worden war und die Ärztin sagte ihr immer noch, dass das Krebsmedikament, was ihr helfen würde, aus Amerika unterwegs sei. Auch die Angehörigen glaubten daran und beteten, dass das Medikament schnell verfügbar ist. Die Chance sich auf das Unausweichliche vorzubereiten wurde so der Patientin und ihren Angehörigen unwiderruflich genommen. Gerade die emotionale Auseinandersetzung mit dem Tod ist bereits ein Teil der Trauerbewältigung und der Patientin nahm sie die Möglichkeit, letzte aussöhnende Gespräche zu führen und die besondere Nähe zu ihrer Familie zu genießen, was den Abschied für alle erleichtert hätte. Dies sind allerdings die heftigsten Beispiele hilfloser Gesprächsversuche. Viel öfter spüre ich das ehrliche Bemühen um seelischen und emotionalen Beistand, nur die richtigen Kommunikationsmittel für diese außergewöhnlichen Gespräche fehlen.

CA: Was wünschen Sie sich für unsere Mediziner und ihre qualifizierten Mitarbeiter?

AM: Eine ganze Menge mehr Unterstützung! Da arbeiten Menschen in Krankenhäusern und Arztpraxen mit Liebe, Enthusiasmus und Hingabe. Sie haben einfach mehr verdient – für sich selbst und ihr seelisches Gleichgewicht. SelfCare ist ein wichtiger Baustein: in einigen Krankenhäusern gibt es ausgebildete Ansprechpartner für emotional belastete Kollegen, in anderen Ländern und im Unfallkrankenhaus Berlin wird Reiki eingesetzt, die ersten Ärzte wenden Erkenntnisse aus der Quantenphysik begleitend im Alltag an. Emotionale und physische Berührung ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Stress schwächt nachweislich das Immunsystem, Atmung und Berührung aktiviert das parasympathische Nervensystem und beruhigt die inneren Organe, ermöglicht die Regeneration und den Aufbau von Reserven.
Ich finde, Krisen-Kommunikation und SelfCare sollte für alle Ärzte und Mitarbeiter zugänglich sein. Unsere fachlichen Ausbildungen z.B. zum Lebenskrisenbegleiter werden hauptsächlich privat von Angehörigen, Krankenschwestern, pflegerisch tätigen Menschen und auch Ärzten
gebucht und bezahlt. Das ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg. In unserer Gesellschaft ist die Hospizbewegung mittlerweile angekommen und wird wertgeschätzt. Dennoch ist das Ehrenamt der wichtigste Motor, der diese würde- und respektvolle Arbeit ermöglicht.
Wir alle kommen irgendwann mal in der Stunde unseres Todes an. Wie wundervoll wäre wäre es, wenn jeder Sterbende sich und seine Angehörigen ganzheitlich gut aufgehoben wüsste. Wie wundervoll wäre es dann auch, wenn die Mediziner und ihre Mitarbeiter sich genauso ganzheitlich gut aufgehoben fühlen dürften.

CA: Das war ein sehr emotionales Plädoyer für die Menschen in medizinischen Berufen. Was braucht es für diesen Paradigmenwechsel?

AM: Auch und gerade ein Krankenhaus ist ein Unternehmen, jede Arztpraxis ist ein geschäftlicher Betrieb und muss Geld verdienen. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass viele unserer Coaching-Klienten aus dem medizinischen Sektor kommen. Mit meiner Geschäftspartnerin Anja Tack habe ich Anfang 2020 den SystemChanger ® gegründet und wir haben uns „intelligent verändern mit allen Sinnen“ auf die Fahne geschrieben. Wirkliche Veränderungen finden nur statt, wenn nicht innerhalb des bestehenden Systems verschlankt, optimiert und gespart wird, sondern das gesamte System einem Wertcheck unterzogen wird und es in eine Win-Win-Win Situation für alle Beteiligten geführt wird: das Patientenwohl genauso wie das Ärzte- und pflegerische Wohl wieder in den Vordergrund rückt. Damit die finanzielle Wertschätzung für alle, die darin arbeiten, auch durch die Allgemeinheit finanzierbar ist, bedeutet das aus unserer Sicht die Eigenverantwortung jedes Einzelnen zu stärken, sich gesund an Körper, Geist und Seele zu halten!

CA: Wie stellen Sie sich das praktisch vor?

AM: Alles ist mit allem verbunden – nicht nur Leben und Tod. Angst laugt uns Menschen aus, Zuwendung und Menschenliebe baut auf. Tägliche Gedankenhygiene ist die Basis für einen gesunden Geist und einen beweglichen, flexiblen Körper; möglichst weite Teile des Alltags fokussiert und im Flow zu verbringen lässt die Seele tanzen. Es ist an der Zeit drei Dinge zusammenzubringen, die zusammen gehören, Wirtschaft, Wissenschaft und Spiritualität.

CA: Ich danke Ihnen, Frau Mischkowyak, für dieses besondere Interview und wünsche Ihnen mit dem SystemChanger® viel Erfolg!

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